Chronik

Am 01.02.1912 versammelten sich in einem Nebenzimmer des Gasthauses „Zur Krone“ (heute Familie Wellert) in Langendiebach eine stattliche Anzahl von Obstbaufreunden, um einen örtlichen Obst- und Gartenbauverein zu gründen.  

 

Was war wohl ausschlaggebend für die Gründung dieses Vereins vor 100 Jahren? Nun, soweit dies noch nachvollziehbar ist, waren dafür im Wesentlichen folgende Ursachen entscheidend:

 

Das verstärkte Interesse an der Erzeugung von heimischem Obst, da Importe aus dem Ausland erhebliche Probleme bereiteten.

Die kurz zuvor in den Gemarkungen des Altkreises Hanau beginnende Flurbereinigung ermöglichte es, entlang neu angelegter Wirtschaftswege (Feldwege) in größerem Umfang Obstbäume zu pflanzen.

Die Einstellung des Weinbaus hatte - anders als in Langenselbold - keine erhebliche Auswirkung für Langendiebach.

 

Zusammenfassend ist festzustellen, dass es im Grunde wirtschaftliche Nöte waren, die dazu führten, dass sich Einwohner der Gemeinde Langendiebach zusammenschlossen, um hier effektiveren Garten- und Landschaftsbau zu betreiben.

 

Die Leitung der Gründung wurde Kasper Günter übertragen. Anschließend wurde eine „Kommission“ gewählt, bestehend aus folgenden Herren: Jean Hestermann, Willi Rüger, Fritz Schröder, Hans Knothe und Heinrich Bernges.

 

Die erste Jahreshauptversammlung fand am 29.02.1912 statt. Herr Kasper Günter legte nach der Eröffnung die ausgearbeiteten Statuten des Vereins der Versammlung zur Diskussion und Abstimmung vor. 

Nach Vornahme kleinerer Abänderungen wurde die Satzung von der Versammlung noch am gleichen Abend einstimmig angenommen. 

Entsprechend „§ 3 der Satzung“ wurde beschlossen, dass die Vereinsgründer die Hälfte des festgesetzten Einschreibegeldes zu zahlen hatten und dass diejenigen, die bis zum 15.03.1912 einschließlich des Pflichtbeitrages die entsprechenden Beträge zahlten, noch als Gründer im Vereinsregister eingeschrieben werden.

Zum 1. Vorsitzenden des Obst- und Gartenbauvereins Langendiebach 1912 e.V. wurde damals Jean Hestermann, zu weiteren Vorstandsmitgliedern die Herren Heinrich Göbel, Fritz Schröder, Julius Viel, Willi Rüger, Hans Knothe und Heinrich Bernges gewählt.

Unter dem Punkt „Verschiedenes“ wurde beschlossen, dass die Vereinsabende am 1. Dienstag eines jeden Monats stattfinden. Als Vereinslokal wurde das Nebenzimmer bzw. der Saal des Gasthauses „Zur Krone“ weiter beibehalten. 

Am 01.06.1912 zählte der Verein 48  männliche Mitglieder. Den Frauen war der Beitritt durch „Satzungsbeschluss“ untersagt.

 

Insgesamt hielt der neugegründete Verein in diesem Jahr zwei  Vorstandssitzungen und eine Jahres-hauptversammlung ab. Themen damals: die Schädlingsbekämpfung, das Schwefelnder Weinstöcke mittels eines vereinseigenen Zerstäubers, der Bezug von Raubleim oder der Antrag an die Gemeinde Langendiebach zur Einstellung eines Hilfsschützen. Letzterer wurde jedoch seitens der Gemeinde Langendiebach abgelehnt.

 

Der Einladung zum Kreisobstbautag nach Langenselbold folgten die Mitglieder. Der Beitritt zum Kreisverband erfolgte allerdings erst im Jahr 1913.

1913 begann mit der Jahreshauptversammlung, die wegen Beschlussunfähigkeit der anwesenden Mitglieder am 29.01.1913 wiederholt werden musste. 

In diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass zum damaligen Zeitpunkt bereits im Dorfbereich 12.389 Bäume u.a. durch den Obst- und Gartenbauverein gepflanzt worden waren, gegenüber 11.231 im Jahr 1900.

 

Im Jahr 1914 brach der 1. Weltkrieg aus. Trotzdem fand eine Jahreshauptversammlung statt, die gut besucht war, ohne dass nennenswerte Beschlüsse gefasst wurden. Zu Baumwarten wurden Herr Jean Bach und Herr Wilhelm Groß berufen und ausgebildet. Der Kreisobstbautechniker Walther referierte über Baumschädlinge, wie Blutlaus, Frostspanner etc. und empfahl eine natürliche Bekämpfung durch Vögel (Nistkästen). Ebenso wurden verschiedene Möglichkeiten der Bekämpfung von Wühlmäusen erörtert.

 

Im Jahr 1915 wurde durch den Verein eine Obstkelter erworben sowie eine Obstmühle, eine Beerenpresse und ein „Dörrapparat“. Insgesamt wurden hierfür 537 Reichsmark investiert. Die Finanzierung übernahm Herr Jean Bach bei 5%-iger Verzinsung des eingesetzten Kapitals. Danach wurden die Keltergeräte an Mitglieder gegen eine Leihgebühr zur Verfügung gestellt.

 

Für das Jahr 1916 liegen keine Aufzeichnungen vor.

 

Im Jahr 1917 - der Verein hatte 128 Mitglieder - verstarb der 1. Vorsitzende Jean Hestermann. Er wurde durch Herrn Hans Knothe als Nachfolger ersetzt.

 

In diesem Jahr wurde eine „gute Ernte eingefahren“, so dass Obstpresse, Kelter und Dörrbrett reichlich in Betrieb waren. Die Erträge waren so groß, dass den Mitgliedern die „Einweckgläser ausgingen“ und die „Zuckerstelle in Hanau“ wegen Zuckerknappheit dem Obst- und Gartenbauverein notwendige Zuckerlieferungen versagte. 

 

Auch die Schwefelung im Rahmen der Schädlingsbekämpfung kam nur zögerlich in Gang. 

Die „Obstbauausstellung“ fand in diesem Jahr am 24.08.1917 statt. Für diese Veranstaltung konnte der Verein die drei Langendiebacher  Gesangvereine, Liederkranz, Sängerlust und Concordia für die musikalische Unterhaltung gewinnen und es gelang dem Verein, durch den Verkauf von Speisen und Getränken einen ansehnlichen Betrag zu erwirtschaften, der notwendig gebraucht wurde, um das Darlehenskonto des Vereines auszugleichen. Dass der Verein damals nicht auf Rosen gebettet war, zeigt die Tatsache, dass der Mitgliedsbeitrag in diesem Jahr auf 1 Reichsmark pro Mitglied erhöht wurde. 

Bei der anstehenden Jahreshauptversammlung wurden im Jahr 1917 insgesamt 147 Mitglieder gezählt. Wilhelm Lach wurde zur Ausbildung  als Baumwart beim Kreisverband angemeldet.  

 

1920 legte der 1. Vorsitzende, Hans Knothe sein Amt nieder. Herr Bach wurde zum Nachfolger gewählt. 

 

Für die Jahre 1921 bis 1925 existieren keinerlei schriftliche Unterlagen. 

Für das Jahr 1926 wird in den Protokollen lediglich ein Gemarkungsrundgang bei geringer Mitgliederbeteiligung erwähnt.

 

Auch für die folgenden Jahre sind keinerlei Aktivitäten mehr aufgezeichnet worden.

 

Die nächste Zäsur in der Vereinsgeschichte ist ein Anschreiben der NSDAP vom 03.12.1933, in dem die Gleichstellung aller Vereine angekündigt wurde. Der 1. Vorsitzende, Herr Wende, wurde als „Führer“ vorgeschlagen.

 

Das Gartenjahr selbst war gezeichnet von starken Frühlingsfrösten die dazu führten, dass wenig geerntet werden konnte. Im Jahr 1935 war es nicht anders. Auch hier waren Maifröste dafür verantwortlich, dass keine nennenswerten Ernteerträge erzielt werden konnten.

 

Konsequenzen der Hitlerdiktatur, insbesondere der Kriegsjahre, für das Vereinsleben finden in den Analen keinerlei Erwähnungen. Die letzte Aufzeichnung betrifft die Jahreshauptversammlung vom März 1936. 

 

Erst im Jahr 1947 erwacht der Obst- und Gartenbauverein wieder aus seinem „Dornröschenschlaf“.

 

Am 11.01.1947 eröffnet der Beauftragte der Versammlung, Herr Heinrich Bernges - Kreislandwirt - die Hauptversammlung des Obst- und Gartenbauvereins. Er  lobte die tatkräftige Mitarbeit von Herrn Jakob Schäfer. 

Bis dahin zählte der Verein immerhin noch 109 Mitglieder. Herr Baumann gab den Jahresbericht 1946 ab. Die Mitglieder brachten überschüssiges Obst und Gemüse auf die Sammelstelle, um einen Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung zu leisten. 

Ein neuer Vorstand wurde gewählt. Zum 1. Vorsitzenden wurde Herr Fritz Kirchner, als Vorstands-mitglieder desweiteren Herr Heini Ruth, Herr Jean Horst, Herr Karl Ruth, Herr August Heck, Herr Jean Baumann und als Beisitzer Herr Wilhelm Fucker, Herr Wilhelm Stickelmeyer und Herr Fritz Lapp gewählt. 

 

Der Jahresbeitrag wurde auf 4 Reichsmark angehoben.

 

Das Jahr 1948 begann mit einer Jahreshauptversammlung, zu der 154 Mitglieder eingeladen wurden. 

Zum Vereinsinventar, das damals noch existierte, zählten u.a. noch die Obstkelter mit der Mühle, die Beerenpresse sowie diverse Spritzgeräte.

 

In den Folgejahren beschäftigte sich der Verein mit verschiedenen Veranstaltungen und Vorträgen, besonders mit dem Kartoffelanbau, der speziellen Düngung und Krankheitsbekämpfung der Kartoffelfrucht. Gleiches betraf den Obstanbau.   

1952 wurde ein neuer Vorstand gewählt. 1. Vorsitzender wurde Herr Fritz Heitzenröder, da Herr Fritz Kirchner aus beruflichen Gründen nicht mehr kandidieren konnte. 

 

Die Obstkelter wurde an Herrn Jean Betz und Herrn Wilhelm Bernges für 60 Mark verkauft und die Beerenpresse verschrottet.  

 

In den Jahren danach wurden keine nennenswerten Aktivitäten aufgezeichnet. Erwähnenswert ist, dass der damalige Bürgermeister der Gemeinde Langendiebach, Heinrich Ruth, zum 2. Vorsitzenden gewählt wurde. Ansonsten wurde bei der Jahreshauptversammlung über die Errichtung eines Lehrgartens beraten und diskutiert.

 

Die Vereinsarbeit wurde unter engagierter Beteiligung der Mitglieder fortgesetzt, die u.a sich sehr rege an den Lehrfahrten nach Geisenheim, an den Bodensee und den Lohrberggarten etc. beteiligten. Zeitweise nahmen bis zu 100 Personen an den Fahrten teil. Intern beschäftigte man sich insbesondere mit der Herstellung von Süßmost. Allein in diesen Jahren wurden bis zu vier Fortbildungsveranstaltungen im Monat durchgeführt und somit insgesamt 25 Veranstaltungen über das ganze Jahr verteilt.

 

Aus den folgenden Jahren ist nichts Nennenswertes zu berichten. Im Jahr 1956 wurde Karl Schwalm zum 1. Vorsitzenden gewählt und der unvergessene Bruno Marquard wurde damals zum ersten Mal Beisitzer.

 

Im Jahr 1959 folgte auf Karl Schwalm als 1. Vorsitzender Hans Ruth. 

In diesem Jahr widmete sich der Obst- und Gartenbauverein erneut den damals relevanten und aktuellen Problemen der Flurbereinigung.

 

Im Jahr 1962 feierte der Obst- und Gartenbauverein sein 50-jähriges Bestehen.

 

1963 verzögerte sich der Beginn der Vereinsabeit durch einen lang anhaltenden eisigen Winter. Alle Schnittkurse mussten abgesagt werden.

Im Jahr 1964 verstarb überraschend der 1. Vorsitzende Hans Ruth. Das Vorstandsamt wurde von Herrn Josef Jost übernommen. Für die Folgejahre liegen keine schriftlichen Aufzeichnungen vor.

 

Im Jahr 1968 wurde dann Herr Walter Pabst zum 1. Vorsitzenden gewählt, Herr Josef Jost verwaltete das Amt des 2. Vorsitzenden.

 

1969 wurde Josef Jost von Fritz Strauch abgelöst. 

 

Einschneidend für den Verein war das Jahr 1970. In diesem Jahr wurde am 28. April das Blütenfest aus der Taufe gehoben. Als Standort wählte man das Obstbaugelände von Bruno Marquardt „Im Lachefeld“. Die Leitung übernahm Fritz Strauch. Die Gesangvereine Liederkranz und Sängervereinigung umrahmten die Veranstaltung mit Gesangsvorträgen. Es wurden Bratwurst, Bier, Handkäs und Apfelwein gereicht in einem „ausgedienten“ amerikanische Militärzelt mit  „mobiler Toilette“. 

In den Folgejahren wurde das Blütenfest immer wieder an Pfingsten gefeiert – mit Ausnahme des Jahres 1986 (Reaktorschmelze in Tschernobyl) – und bis heute nicht nur von der Langendiebacher Bevölkerung, sondern auch von Bewohnern der Nachbargemeinden gut angenommen.

 

Im Jahr 1976 erfolgte ein Wechsel des Vorstandes. 1. Vorsitzender wurde Hans Semmel und als 2. Vorsitzender fungierte Bruno Marquardt.    

Im Jahr 1977 wurde der Verein erstmalig im Vereinsregister des Amtsgerichts Hanau eingetragen.

 

1997 erfolgte ein erneuter Vorstandswechsel. Zum 1. Vorsitzenden wurde Gustav Ruth gewählt. Im gleichen Jahr verstarben die langjährigen Mitglieder Elisabeth Deinert und Bruno Marquardt. 

 

Im Jahr 2001 beteiligte sich der Obst- und Gartenbauverein auch an der 775-Jahrfeier sowie in den Folgejahren an diversen Weihnachtsmärkten der Gemeinde Erlensee und an den Gemarkungs-reinigungen der Gemeinde Erlensee im Frühjahr. 

 

Derzeit bemüht sich der Obst- und Gartenbauverein Langendiebach 1912 e.V. neue und vor allem junge Mitglieder für die Arbeit im Verein zu begeistern und langfristig zu binden. Nur so kann gewährleistet werden, dass Veranstaltungen wie das Blütenfest, die Teilnahme am Erntedankfest der evangelischen Kirchengemeinde und die Unterstützung anderer ortsansässiger Vereine stattfinden.

Darüber hinaus werden weiterhin die klassischen Ziele eines Obst- und Gartenbauvereins verfolgt. So finden jährlich Schnittkurse statt. Es werden weiterbildende Kurse für Fachwarte angeboten und in Anspruch genommen. 

 

Dabei soll nicht verkannt werden, dass die Gründe, die zur Gründung des Vereines geführt haben, mittlerweile aufgrund veränderter gesellschaftlicher und politischer Gegebenheiten nicht spurlos am Verein vorbeigegangen sind.

 

Es ist jedenfalls derzeit nicht die wirtschaftliche Notlage der Bevölkerung, die damals im Vordergrund stand, als der Verein gegründet wurde. Heute ist es vielmehr das Bestreben, die Freizeit miteinander zu verbringen und gemeinsam zu feiern.   

 

Trotz aller Bemühungen muss aber der Obst- und Gartenbauverein Langendiebach feststellen, dass die Gefahr besteht, langfristig nicht mehr über ausreichend Mitglieder zu verfügen, die es ihm derzeit noch ermöglicht, verschiedene gesellschaftliche  Aktivitäten zu entfalten. 

Dabei darf nicht verkannt werden, dass dieses Phänomen nicht nur ein Problem des Obst- und Gartenbauvereins Langendiebach ist, sondern dass auch andere Vereine mit diesem Phänomen konfrontiert sind und werden. Deshalb sollte alles unternommen werden, Mitbürger für ehrenamtliche Tätigkeiten im Sinne des Sozialwesens zu begeistern und zu binden, wobei es letztendlich unerheblich ist, ob sich diese dann später im Obst- und Gartenbauverein, der Freiwilligen Feuerwehr oder im Roten Kreuz wiederfinden.

 

Um dies zu leisten, muss das unstreitig vorhandene Potential an Interessierten geweckt, erhalten und dauerhaft gebunden werden. Hierzu bedarf es übergreifender Veranstaltungen (Blütenfest, Grillfeste, Wanderungen, Jahresendfeiern etc.), um die kollektive Zusammengehörigkeit zu pflegen und zu stärken. Dies dürfte jedenfalls die wichtigste Aufgabe der Zukunft sein.

 

Abschließend gedenken wir im Jubiläumsjahr an alle Männer und Frauen zurück, die unseren Obst- und Gartenbauverein nicht nur gegründet, sondern auch weiterentwickelt haben, auch in schwierigen Zeiten. Männer und Frauen, die über Generationen hinweg bis heute ihre Freizeit geopfert und den Verein tatkräftig unterstützt haben.

 

Mit der Hoffnung auf weitere erfolgreiche Jahre des Obst- und Gartenbauvereins Langendiebach 1912. e.V. wünscht der derzeitige Vorstand, des Vereins alles Gute, Beständigkeit in der Vereinsarbeit und gutes Gelingen.

 

Für den Vorstand

1. Vorsitzender 

Gustav Ruth

 

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